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© andreas horchler

Texte

wenn der holzhändler kommt

In Washington ist es gut, einen kleinen Brennholzvorrat zu haben. Die vergangenen Winter waren ziemlich, kalt, die Wahrscheinlichkeit eines Stomausfalls, der auch die Heizung außer Gefecht setzt, geht gegen 100%. Seit dem Spätsommer fährt immer mal wieder ein Truck vor, jemand steigt aus, klingelt, bietet Brennholz in einem Kauderwelsch an, dem auch der Amerikanischkundige unter keinen Umständen folgen kann. Die Ware ist in der Regel morsch, feucht, unbrennbar. Aber draußen in Maryland gibt es glücklicherweise Farmen, die echtes Hartholz zu fairen Preisen anbieten. Die Deutschen haben ihr Klafter, die Amerikaner den Cord, ein uraltes Maß eben, theoretisch ist ein solcher Holzhaufen 4 Fuß hoch, vier Fuß breit und acht Fuß lang. Ganz theoretisch. Als Tom vorfährt, entpuppt sich mein halber Cord als eine Truckladung Holz. Ordentliche Ware, die meine Familie sicher durch den Winter bringen wird. Der Diesel tuckert und stinkt. Tom, ein dürrer, kleiner Kerl mit Seelöwen-Schnauzer würde im Traum nicht auf die Idee kommen, den Motor abzustellen. Auch wenn er offenbar fest entschlossen ist, mir in den nächsten 20 Minuten sein Leben zu erzählen, seine Gesinnung preiszugeben, seinen Glauben mitzuteilen. Den Job macht Tom nur in der Saison. Und für Holz herrscht gerade Hochsaison. Zum Aufwärmen fangen wir mit Sportergebnissen an. Weiter geht’s mit seinen Erfahrungen im Irakkrieg. Wie sein Kumpel angeschossen wurde, wie toll er die Deutschen findet, denen er allerdings ankreidet, kein militärisches Abschreckungspotential zu besitzen. Ob wir denn nicht unsere Souveränität verteidigen wollen. Ich schaue mir den Holzhaufen an. Doch, das ist gutes Holz, viel Buche, wenig Nadelholz, gut abgelagert. Abschreckung ist wichtig. Auch wenn es den Anschein hat, dass wir uns von Putin, Assad und den Chinesen zum Narren halten lassen. Wir Amerikaner würden nie unsere Souveränität, unsere Freiheit aufgeben. Ich denke gleichzeitig daran, wie lange es dauern wird, das Brennholz stapeln, wie weit die Einwohner Washingtons den kalten Krieg hinter sich gelassen haben, wie sehr weite Bevölkerungsteile im Rest von Amerika weiter mitten in ihm leben, wie ich einen eleganten Weg finde, das Gespräch zu beenden, ohne unhöflich zu sein. Tom gestikuliert, erzählt von Chinesen und Saudis, von amerikanischer Überlegenheit und weltweiter Verschwörung, natürlich gegen Amerika, gegen die Freiheit. Der Diesel brummt. Ich bin ausgestiegen, kann nicht mehr folgen, als er zum finalen Schlag ausholt: Das Jüngste Gericht. Die Abrechnung steht unmittelbar bevor. Das haben Paulus und vor allem Johannes glasklar herausgearbeitet. Warum bloß setzt sich niemand damit auseinander, natürlich neben der wichtigen nuklearen Abschreckung und der genauen Beobachtung jedes einzelnen Schrittes von Putin, am besten auch aller anderen Schurken der Welt. Mir ist schwindelig. Aber: Mein Holz ist Ungeziefer-frei, gut abgelagert und trocken. Es ist gut, in Washington einen kleinen Holzvorrat zu haben. Für alle Fälle.

amazing grace – vom sklavenhändler bis zu

barack obama

„Amazing Grace“ ist ein erstaunliches Lied. Nicht erst, seit Obama es bei der Trauerfeier für 9 ermordete Kirchgänger in Charleston sang.  Das Lied aus dem 18. Jahrhundert wurde von einem ehemaligen Sklavenhalter geschrieben und machte Karriere in der Kirche, als Folk, Country und Gospelhymne. Die unglaubliche Gnade klingt nicht nur süß, sie rettete auch einen Schurken, der verloren war und gefunden wird, der blind war und jetzt sehen kann. Der Schuft, von dem Präsident Obama in Charleston sprach und sang, war der Engländer John Newton.  Ein Atheist, ein Freigeist, ein Sklavenhändler aus London, Jahrgang 1725. 1745 überführte er Afrikaner ausgerechnet nach Charleston, South Carolina, dem größten Handelsplatz für Sklaven seiner Zeit. Newton überlebte einen schweren Sturm auf hoher See, fand seinen Glauben, schrieb die ersten Zeilen des berühmten Liedes, studierte Theologie und wurde 1764 Priester der anglikanischen Kirche. Aus seiner Feder stammen fast 300 Kirchenlieder. Amazing Grace wurde zu vielen Melodien gesungen und fand seine heutigen Töne im frühen 19. Jahrhundert. Das eine, berühmte Lied wird heute tausendfach gesungen und gespielt. Auf dem Dudelsack zur Trauerfeier für Präsident Ronald Reagan 2004. Oder nach dem Tod von Souldiva Whitney Houston im Februar 2012. Zum  Abschied sang LeeAnn Rhimes natürlich- Amazing Grace. Die vielleicht größte Karriere macht das Lied der Gnade in der schwarzen Kirche Amerikas. Sklaven und nach dem Bürgerkrieg befreite Afroamerikaner machen aus Amazing Grace einen Gospel. In der zweiten Strophe heißt es: „Die Gnade lehrte mich Furcht und wie ich die Angst überwinden kann“. Ein Ausweg für schwarze Amerikaner unter dem Joch zuerst der Sklaverei und anschließend der Unterdrückung und Rassentrennung. Mahalia Jackson und Aretha Franklin sangen Amazing Grace, aber auch Willie Nelson und Elvis. Und Präsident Barack Obama, der für eine seiner größten Reden in South Carolina das Motiv der Gnade wählte, um die Familien  der Opfer des 17. Juni 2015 zu trösten. Der junge Rassist Dylann Roof hatte eine Bibelstunde in der schwarzen Emanuel African Methodist Episcopal Church besucht, nach einer Stunde die Waffe gezogen und 9 Kirchgänger erschossen. Der erste schwarze Präsident des Landes nahm Stellung. Zu Rassismus, Gewalt und Segregation in Amerika. Und weil Leid und Rassismus und Ungerechtigkeit nicht ganz in Worte passen, sang Obama am Ende.    Wenn wir 10000 Jahre hier sind, heißt es am Ende der berühmten Hymne des geläuterten Sklavenhändlers,  werden wir Gottes Lob immer noch singen, als hätten wir gerade erst damit begonnen.

audacity of hope

Ende Juli 2004 trat beim Parteitag der demokratischen Partei in Boston ein junger Senator aus dem Bundesstaat Illinois auf. Er wollte den Weg für den Präsidentschaftskandidaten John Kerry ebnen. Er fiel durch Frische, Energie und ein außergewöhnliches Redetalent auf. 4 Jahre später wurde er selbst Präsident.  Nach fast zwei Amtszeiten ist der Lack ab, das “Wagnis der Hoffnung” bleibt.  Es war die Geburtsstunde eines politischen Stars. Nach den Anschlägen vom 11. September, mitten in den Kriegen in Afghanistan und Irak, während der Präsidentschaft George Bushs, der seine Zuhörer und sein Volk nicht vom Hocker riss, begann der Siegeszug Barack Obamas. “Hoffnung, Hoffnung im Angesicht von Schwierigkeiten, Hoffnung, die der Unsicherheit trotz, das Wagnis der Hoffnung, das ist Gottes großes Geschenk an uns, das ist das Fundament dieser Nation”. Die demokratische Zuhörerschaft in Boston, die John Kerry als Gegenkandidaten gegen George Bush in Stellung brachte, hatte ein einmaliges Redetalent entdeckt, einen der große Menschenmengen ermutigen, anfeuern, inspirieren konnte. Gut vier Jahre später wurde Barack Obama zum ersten afroamerikanischen Präsidenten gewählt. Bei der Siegesfeier in Chicago hörten viele seiner Anhänger zum letzten Mal den Slogan seines atemberaubenden Wahlkampfs, ein “Yes we can” wie in einem Gottesdienst.   Obama erhielt einen frühen Friedensnobelpreis, musste gegen einen gespaltenen Kongress, gegen eine gespaltene Nation regieren. Seine idealistische Vorstellung, es gebe kein republikanisches, kein demokratisches Amerika, sondern nur die Vereinigten Staaten von Amerika, konnte der Realität nicht standhalten.   Finanzkrise, Streit um die Krankenversicherung Obamacare, Regierungsstillstand. Die innenpolitischen Pläne von sozialer Gerechtigkeit, besserem Klima, besserer Bildung, Immigration: Stückwerk, bestenfalls, verhindert von der Wirtschaftsflaute, bis aufs Messer bekämpft von der republikanischen Opposition. Die Außenpolitik: Ein Präsident, der trotz Versprechen das Gefangenenlager Guantanamo nicht geschlossen hat, der sich im Antiterrorkampf auf die Seite der Geheimdienste schlägt und die globale Spionage befürwortet. Eine Geschichte des Zögerns, oft der Drohungen, die sich in Luft auflösen,  von Nordafrika über den Nahen Osten bis zur Ukraine. Die Frage ist nicht, ob Amerika führt, sondern wie, rief Obama den Absolventen der militärischen Elite-Hochschule Westpoint zu. Aber genau dieses Wie blieb Obama ein ums andere Mal schuldig. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Hoffnungsrede von Boston war die Mehrheit der Amerikaner tief enttäuscht von ihrem Präsidenten. Das Wagnis der Hoffnung, am Ende entpuppte sich Obamas Glaubensbekenntnis von 2004 als eines, das den Amerikanern als Slogan, nicht aber als politisches Programm gefiel.   

der sixpack-check – putin und obama beim

workout

Putin reitend, Eishockey spielend, Butterfly schwimmend, Gewichte stemmend. Die Naturburschen-Fotos kennen wir. Zum 70. D-day-Jubiläum gab es auch Fitness-Filmchen von US-Präsident Obama. Wer ist stärker? Was haben Muskeln in der Weltpolitik zu suchen?   Schon klar, der Vladimir, den sieht man seit Jahren halbnackt durch Sibirien reiten. Was soll er auch machen in diesem weiten, kargen Land. Straßen gibt’s da ja nicht. Bringt immerhin einen stahlharten, fotogenen Körper. Da lohnt sichs, Russe zu sein. Und der Barack? Na ja, ist wegen dem Vladimir zuletzt noch ein bisschen grauer geworden, wegen Ukraine und Syrien und so. Im Basketball würde der Ami dem Russen den Schneid abkaufen. Aber in der Muckibude? Obama gibt alles, aber während Vlad gefühlt ein paar Zentner auf die Stange packt, fuchtelt Barack mit diesen Mädchengewichten rum, geht aufs Laufband, gähnt zwischendurch. Nein nein, das Barack-Programm ist sicher gesünder. Beim Gipfel, der damals noch G8 hieß, in Nordirland war das, gabs eine richtige Krise. Die britische Sun hatte das aus verlässlicher Quelle. Barack hatte im Hotel zugeschlagen und den Trainingsraum, der da Gym heißt, einfach für sich gemietet, Vladimir ging leer aus. Beim gemeinsamen Foto sah er dann irgendwie zerknirscht aus. Warum die Fotos und Videos der stählernen Supermachtlenker gerade jetzt das Licht der Öffentlichkeit erblicken? Weil stark froh macht. Brot und Spiele halt. Es sollte einmal einen schönen klassischen Boxkampf geben. Bomber Barack  gegen Vladimir den Vollstrecker.  Ein Faustkampf unter durchtrainierten Staatenlenkern, der alle Konflikte, Scharmützel und Animositäten hinter sich lässt. So wie bei Rocky 4. Klar: Rocky Balboa ist einen Meter breiter als Obama  und Ivan Drago einen Meter größer als Putin. Geschenkt. Vladimirs Lederhose und leicht geölter Oberkörper, Obamas lockerer Jogginganzug, Mutti Merkel als Ringrichterin, die den Kampf sicherlich hier und da wegen Unsportlichkeit unterbrochen hätte. Das hätte was werden können. Aber meine Quellen sagt mir, der Kreml hat abgesagt. In letzter Minute. Keine Angabe von Gründen. Ich glaube, Vladimirs Berater haben den Vladmir  auf den Faktor Beweglichkeit bei Barack hingewiesen.  Trotz Muskelmasse hätte er riskiert, dass seine Zunge spätestens in Runde 4  einen halben Meter lang ist. Schade, kein Kampf. So bleibt es bei völlig sinnfreien Bildern von zwei mittelalten Männern, die Sport machen.

voll der drill - eine tennis-”clinic” mit wayne

brian

In Washington werden jeden Sommer die „Citi Open“ ausgetragen, ein Tennisturnier mit vielen großen Namen, aber auch ein soziales Ereignis, bei dem Spenden für Kinder in Not und den sportlichen Nachwuchs gesammelt werden. Wayne Bryan, Vater der Bryan-Zwillinge, dem vielleicht erfolgreichsten Tennis-Doppel aller Zeiten, bietet zum Beispiel eine „Clinic“ an, eine Übungseinheit für Kinder zwischen 12 und 18. Da geht es ganz schön knackig zu! „Bin ich ein netter Kerl“, grölt der stiernackige, kompakte Mann mit Schirmmütze und Pilotensonnenbrille ins Mikrofon. „Nein, bin ich nicht“, antwortet er selbst, „aber dafür lernt ihr etwas“. 30 Mädchen und Jungen zwischen 11 und 17 Jahren hängen an den Lippen des Mannes, der Vater und ex-Trainer der berühmten Bryan Brothers ist. „Die Teams in Reihen aufstellen“, brüllt er jetzt. „Ihr habt 5 Sekunden“. „Ich sage das nur einmal“.  Wer bei 35 Grad im Schatten nicht pariert, kommt auf die Loser-Seite von drei Tennisplätzen, auf denen exerziert, pardon, trainiert wird. Fast alle stehen, Schläger auf dem Boden, Augen geradeaus. Die anderen werden in die Verliererecke geschickt.  Vor meinem inneren Auge stelle ich mir die gleiche Szene auf einer deutschen Trainingsanlage vor. Und die jungen Leute, die grummeln. „Mann, was für ein Ton“. Hier nicht. Den Ball im Spiel halten heißt das Motto, jedes Kind hat einen Schlag. Jeder Ballwechsel wird von Waynes lautem Einpeitschen begleitet: „Wer von Euch hat den Mumm, wer hat den Mumm“. Am Schluss gibt es ein Gewinnerteam. Wayne Bryan fordert Applaus. Das Team erhält ihn, dann diejenigen, die weniger Erfolg hatten, dann die Trainer, dann die Eltern. „Was haben wir heute gelernt?“ „Immer fair spielen“, antwortet der Chor der 12 – 18-jährigen. „Was noch?“ „Voller Einsatz! Nur mit vollem Einsatz können wir es so weit bringen wir die Bryan-Brüder“. Die jungen Leute klatschen, schwitzen, flüchten in den Schatten.  Die Trainingseinheit ist zu Ende. Wayne Bryan ist ein netter Kerl, der sich rau gibt. Einer, der sich nicht nur mit dem Tennissport auskennt, sondern auch mit dem Leben. Einer, der grollt und sich den jungen Menschen trotzdem zuwendet. Das haben die Kinder von Anfang an gespürt, haben sich eingefügt, dem Drill unterzogen, denn sie sind schon von der uramerikanischen Überzeugung durchdrungen: Wer hart arbeitet, bringt es weit. Es funktioniert. Es wirkt nicht albern, sondern überzeugend.  Vielleicht wird ja einer der 30 Teilnehmer Tennisprofi. Vielleicht haben ja die anderen 29 Spaß am Sport und können ihr Durchhaltevermögen anderswo in ihrem Leben einsetzen.

hier schreibe ich 

dinge auf, die ich

erlebe und die ich

erzählenswert finde.

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